Felix Mendelssohn-Bartholdy

Lieder ohne Worte (Gesamtaufnahmen)

Die Teilnehmer des Vergleichs:

 

  1. Daniel Adni, EMI 1972 – derzeit (2016) nicht verfügbar :-(
  2. +verschiedene Stücke f. Klavier, Daniel Barenboim, DGG 1974, 2 CDs
  3. Carmen Piazzini, Da Music 1999,  2 CDs
  4. Roberto Prosseda, Decca 2008, 2 CDs
  5. +Variations serieuses op. 54, Michaels Korstick, cpo 2009, 2 CDs
  6. Amir Katz, Live Classics 2009, 2 CDs
  7. Michael Endres, Oehms 2012-13, 2 CDs
  8. +verschiedene Stücke f. Klavier, Ronald Brautigram (am Nachbau eines historischen Flügels), BIS 2012/2015, 2 CDs
  9. +Fanny Hensel: Lieder ohne Worte (Gesamteinspielung), Matthias Kirschnereit, Berlin Classics 2015, 3 CDs

     

Foto: Berlin Classics
Foto: Berlin Classics

 

Zu den Stücken selbst gibt es einen informativen Artikel in der Wikipedia.

 

Zunächst stellt sich die Frage, ob es überhaupt einer Gesamtaufnahme Mendelssohns Lieder ohne Worte bedarf? Ich meine: Ja. Selbst wenn ich mir später eine Art "Best-Of"-Auswahl daraus erstellen sollte, so wäre dies dann meine ganz persönliche Auswahl und nicht die eines Künstlers oder gar seines Labels.

 

Nach "Gefühl" und eigenen Erfahrungen wählte ich neun Aufnahmen für einen Vergleich aus. Einige durchaus interessante Interpreten – wie z. B. Schiff und Perahia – spielten leider keine Gesamtaufnahmen ein und blieben somit außen vor. Die in Kennerkreisen gut beleumundete Aufnahme mit Daniel Andi, Anfang der 1970er Jahre bei EMI erschienen, war leider nicht verfügbar.

 

So begann ich mit einer anderen hochgelobten, älteren Aufnahme mit  Daniel Barenboim, die ich mit neueren, wie z. B. mit Matthias Kirschnereit, vergleichen wollte. Von beiden Künstlern besitze ich bereits Interpretationen romantischer Klaviermusik: Barenboims fantastische Gesamtaufnahme von Schuberts Klaviersonaten und eine vor 15 Jahren mit Matthias Kirschnereit spannend eingespielte CD mit anderen Werken Mendelssohns. Weil ich auch von Carmen Piazzini schon eine Aufnahme sämtlicher Haydn-Klaviersonaten besitze, die ich sehr regelmäßig und gern höre, kam auch ihre Gesamteinspielung in den Vergleich. Ebenso Martin Korsticks Einspielung für das Label cpo. Eher duch Zufall stieß ich noch auf die Aufnahme des italienischen Pianisten und Musikwissenschaftlers Roberto Prosseda; die bei Decca aufgelegten CDs sind leider nicht mehr erhältlich, sondern nur noch eine Downloadversion.

 

Nur diese fünf Aufnahmen gelangten in die Endauswahl. Nach einem ersten, kurzen  Durchgang hatte ich gleich die beiden (recht jungen) Aufnahmen von Katz und Endres aussortiert. Sie sprachen mich weder künstlerisch noch klanglich an. Auch Brautigams Aufnahme konnte bei mir keine positiven Reaktionen hervorrufen. Ich hatte sie ausgewählt, weil Brautigam am Nachbau eines zeitgenössischen Flügels spielt und weil ich zuvor einige sehr positive Rezensionen seiner recht neuen, auf zwei Einzel-CDs verteilte Aufnahmen gelesen hatte. Mag sein, dass er näher an historischer Aufführungspraxis ist, angesprochen hat mich diese Lesart nicht; und auch hier konnten mich – trotz High-Resolution-Aufnahme – die klangtechnischen Aspekte nicht überzeugen.

 

Zurück zur Endauswahl. Intensiv verglich ich einzeln (einen Tag lang) alle 48 Stücke. Die Beigaben, die sich zusätzlich zu den Liedern ohne Worte auf einigen Einspielungen befinden, ignorierte ich dabei fürs Erste.

 

Am wenigsten konnte mir im Direktvergleich Matthias Kirschnereits Aufnahme zusagen; bei jedem Stück gefiel mir einer der Konkurrenten besser. Deshalb wurde diese Aufnahme – trotz immerhin sehr guter Aufnahmetechnik – zunächst aus der weiteren Auswahl ausgeschlossen.

 

Aber letztlich fand ich auch keine andere, die mir rundum gefallen hätte. Manchmal überzeugte Piazzini mit klarer Sachlichkeit, manchmal konnte Korstick durchaus punkten. Bei niemandem klingt op. 19b/6 so "venezianisch" wie bei Barenboim (ich konnte fast das leichte Schaukeln der Gondel spüren); dafür aber sind bei ihm viele andere Stücke weit von meinen Vorstellungen entfernt und landeten im Vergleich zu den anderen oft an letzter Stelle. Auch klangtechnisch überzeugte mich diese Aufnahme nicht, so dass sie – trotz des großen Namens und der vielen Empfehlungen – als nächste heraus fiel.

 

Piazzini nimmt es mit den Tempoangaben nicht besonders genau und ihr Spiel wirkt manchmal ein wenig holprig. Auch rein klanglich ist ihre Aufnahme keine Perle: Kräftige tiefe Lagen, aber zu den höheren hin immer schlechtere Durchhörbarkeit. Bei Prosseda verwischen viele Details, das mag auch hier teilweise der Aufnahmetechnik geschuldet sein, aber auch seiner Spielweise, die oft ein wenig verhuscht wirkt.

 

Unter dem Strich kann die Aufnahme mit Korstick  am ehesten überzeugen, wenn er auch stark zum Polarisieren neigt: Zwischen laut und leise, schnell und langsam, wuchtig und sanft; wobei der jeweils zweite Pol oft schon langweilig wirkt. Ob er den Stücken immer gerecht wird, sei einmal dahingestellt (wuchtig-brachial passt eigentlich nicht zu den Liedern ohne Worte); seine Interpretationen fallen sehr unterschiedlich und z. T. gewöhnungsbedürftig aus, also auch alles andere als optimal. Rein klangtechnisch gefiel mir diese Aufnahme zunächst am besten – dennoch begann ich nun langsam zu verzweifeln, denn dies war die letzte, übrig gebliebene Aufnahme. Vielleicht sollte ich nicht nur die Einzel-Stücke untereinander vergleichen, sondern noch einmal jeweils den kompletten Zyklus hören? Gesagt, getan, auch wenn das fast einen weiteren Tag in Anspruch nahm.

 

Nach dem Durchlauf der Aufnahmen mit Korstick (komplett), Piazzini, Prosseda (jeweils zum größten Teil) und Barenboim (nur die ersten beiden Zyklen, weil ich ihn danach nicht mehr hören mochte), bestätigte sich das Bild vom Vortag: Die drei Letztgenannten waren definitiv 'raus aus dem Rennen – und Korstick würde bestenfalls einen Kompromiss darstellen. Ich wollte die endgültige Anschaffung der Lieder ohne Worte schon abbrechen; doch dann startete ich noch einmal die gleich zu Beginn ausgeschiedene Kirschnereit-Aufnahme.

 

Einzeln gehört, und immer von einer anderen Aufnahme übertroffen, fügte sich bei ihm nun plötzlich alles zu einem Ganzen zusammen. Seine Darbietung wirkt sehr schlüssig, wie aus einem Guss – und wie von keiner der anderen Aufnahmen auch nur annährend erreicht. Das zunächst unauffällig wirkende Spiel zeigt, dass der Pianist sich einfach zugunsten der Musik selbst zurücknimmt. Im Gegensatz zu den anderen Kandidaten passen bei ihm auch die Tempi untereinander wunderbar zusammen (und scheinen auch weitgehend an Mendelssohns Angaben orientiert zu sein). Die Stücke bekommen, im Zusammenhang gehört, plötzlich auch einzeln viel mehr Seele. Ein regelrechter Kosmos der Empfindungen wird zum Hörer transportiert. Im Gegensatz zu Korstick, bei dem einige lyrische oder melancholische Stücke (auf mich) durchaus langweilig wirken, gehen sie bei Kirschnereit unter die Haut. Dennoch wirkt die Musik für mich nie künstlich emotionalisiert oder gar schwülstig.

 

Auch klanglich scheint mir diese Aufnahme perfekt. Kein Frequenzbereich ist zu stark oder schwach vertreten, insbesondere der Mitteltonbereich wirkt sehr klar und präzise. Nerven bei Barenboim manchmal die etwas spitzen Höhen und bei Piazzini die holprigen Tiefen, so verhalten sich hier beide Grenzbereiche angenehm zurückhaltend, ohne zu fehlen. Dazu klingt der Raum weder zu hallig noch zu trocken, sondern lässt einfach angenehmes und differenziertes Hören zu.  Die Prosseda-Aufnahme klingt dagegen oft indifferent und leicht dumpf. Selbst der Korstick-Aufnahme fehlt, bei allen ansonsten guten Eigenschaften, an einigen Stellen das letzte Quantum an Durchhörbarkeit.

 

Finden sich auf einigen Einspielungen als Füllstücke weitere kleinere Kompositionen von Felix Mendelssohn, so folgen bei Kirschnereit die Lieder ohne Worte seiner Schwester Fanny. Auch sie wurden erfreulicher Weise komplett eingespielt. Fanny Hensel wird oft als komponierende Dilettantin belächelt, dennoch gefallen mir ihre Werke mindestens so gut, wie die ihres Bruders. Sie muten weniger ausgefeilt, aber auch weniger angepasst an, als Felix' Kompositionen. Sicherlich hat aber auch Kirschnereits Interpretation einen hohen Anteil an dieser Wirkung.

  

Am Ende schaffte es nun ausgerechnet die Aufnahme in meine Sammlung, die zu Beginn der Endauswahl als erste herausgefallen war. Die Beigabe Fanny Hensels Lieder ohne Worte erhöhen den Repertoir-Wert dieser drei CDs nochmals.

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