Studio-Kopfhörer

Ein Kopfhörer gehört zur Grundausstattung beim Homerecording. Gewiss sind zum Abhören beim Abmischen auch Monitor-Lautsprecher nötig, wirklich gute kosten jedoch schnell einen vierstelligen Betrag. Reicht das Budget nur für ein billigeres Modell, wird dieses kaum in der Lage sein, breitbandig linear zu arbeiten und dazu noch feinste Details (oder Fehler!) herauszuarbeiten. Hier setzt der Kopfhörer an. Selbst Modelle unter 200 Euro können deutlich mehr Feinauflösung bieten als ein dreimal so teures Paar Kleinst-Monitore. Ein universeller Kopfhörer sollte für mich einerseits für das Fieldrecording – also für den Außeneinsatz – geeignet sein, andererseits auch für das Heimstudio.

 

Das akustisch geschlossene Prinizip halte ich bei Kopfhörern aus zweierlei Gründen für wichtig:

  1. Es hilft dabei, äußere Störungen auszublenden und ich kann mich (weitgehend) unbeeinflusst von äußeren Störungen auf meine Tonsignale konzentrieren. Sowohl beim Fieldrecording wie auch im Homestudio ist dies sehr wichtig.                                       
  2. Da äußere Einflüsse unterdrückt werden, kann ich die Lautstärke im Kopfhörer entsprechend reduzieren – und schone ganz nebenbei meine Ohren ein wenig mehr.

 

Erfahrungsbericht Shure SRH 840 und Audiotechnica ATH-M50x

Aus meiner Zeit als Elektronik-Entwickler (in der ich einige Jahre lang recht erfolgreich einen selbst konstruierten kleinen Kopfhörerverstärker vertrieb) glaubte ich, einen guten Überblick über das Kopfhörer-Angebot zu haben. Im örtlichen Handel testweise angehörte Modelle zwischen etwa 100 und 250 Euro verfärbten jedoch recht stark, klangen zu weich und diffus, und kamen deswegen gar nicht erst in die engere Wahl. Nach einer sehr guten Beratung bei Thomann wurden mir von dort die beiden Kopfhörer Shure SRH 840 und Audiotechnica ATH-M50x zum Test geliefert. 

 

Audiotechnica ATH-M50x und Shure SRH 840
Links Audiotechnica ATH-M50x, rechts Shure SRH 840

 

Der Firma Thomann an dieser Stelle ganz herzlichen Dank für den ausgezeichneten Service!

 

Der Shure SRH 840 wird mit einem abnehmbaren Spiralkabel geliefert. Ein Aufbewahrungsbeutel, ein Adapter von 3,5- auf 6,3-mm-Klinge und ein Satz Ersatz-Ohrpolster liegen bei. Der Lieferumfang des Audiotechnica ATH-M50x ist ähnlich: Bei ihm fehlen die (austauschbaren) Ersatzohrpolster, dafür aber liegen drei verschiedene Kabel bei: ein Spiralkabel und je ein kurzes und langes gerades Kabel. Mir persönlich gefällt diese Ausstattung besser.

 

 

Der  Shure wirkt optisch und haptisch auf mich etwas gefälliger, er ist runder und weicher gestaltet. Beide Kopfhörer bestehen weitgehend aus Plastik, allerdings machen die Kunststoffe beider Hörer einen durchaus vertrauenserweckenden Eindruck.

 

 

 

Beim Shure fällt die teilweise außen geführte Leitung auf: Da sind langfristig Probleme vorprogrammiert. Er wiegt mit knapp 380 g fast 100 g mehr als der Audiotechnica. Insgesamt ist er auch deutlich größer, was sich bei meinem Kopf und meinen Ohren allerdings positiv auf den Tragekomfort auswirkt. Er sitzt sehr bequem und drückt kaum.  

 

Die Muscheln des AT sind enger gebaut, so dass meine Ohren zunächst kaum darunter zu passen schienen. Durch die besseren Verstellmöglichkeiten gelang es dann aber nach einigen Versuchen auch sehr gut. Der AT sitzt ein wenig fester als der Shure. Insgesamt sitzen beide Kopfhörer recht angenehm – auch über einen längeren Zeitraum.

 

Beide Kopfhörer dämpfen Umgebungsschall sehr gut ab, der AT wegen des höheren Anpressdruckes vielleicht ein klein wenig stärker. Allerdings ist er gegenüber dem Shure körperschallempfindicher. Der Grund scheint das stark in Richtung Hals geführte Kabel zu sein, das regelmäßig an meinem Hemdkragen schabt; beim Shure geht das Kabel eher Richtung Schulter. Wegen des engeren Sitzes neigt der AT stärker zu Knarz-Geräuschen, wenn man sich bewegt.

 

Kommen wir zum Klang.

 

Der Audiotechnika musste für den Hörtest noch eingespielt werden, im Neuzustand klang er recht hart und aufdringlich. Der Shure war als B-Stock-Gerät offenbar schon etwas länger im Einsatz gewesen, bei ihm wirkte sich das Einspielen nicht weiter auf den Klang aus.

 

Für den Hörtest wurden zum Vergleich kurz ein älterer ohrumschließender, aber akustisch offener Beyerdynamic 531 herangezogen, außerdem wurde der In-Ear-Kopfhörer Sennheiser IE8 einbezogen. Um es kurz zu machen: Die beiden Letztgenannten wurden schnell beiseite gelegt. Der alte Beyer klang zwar durchaus luftiger, aber auch langweiliger, als spielte die Musik hinter einem Vorhang. Der Sennheiser war ein wenig näher an der Wahrheit, hatte als In-Ear-Gerät jedoch eine solch andere Charakteristik (nicht nur klanglich, sondern auch im Hinblick auf die Trage-Eigenschaften), dass ein Vergleich wie der zwischen Äpfel und Birnen wirkte. Nach wie vor als HiFi-Hörer für unterwegs erste Wahl, ist er fürs Studio aus meiner Sicht weniger geeignet.

 

Im eigentlichen Hörtest fiel dann als Erstes auf, dass der Audiotechnica lauter spielte – eigentlich hat der Shure bei ähnlicher Impedanz einen höheren Wirkungsgrad. Beim Hören musste die Lautstärke also ein wenig angepasst werden. Viele Stunden  lang testete ich einige Dutzend Stücke aus den unterschiedlichsten Bereichen: Klassische Kammer- und Orchestermusik, Oper, Jazz, Blues, Rock, Pop, bis hin zu Folklore. Ich suchte nicht nur klangliche Rosinen heraus, sondern ganz bewusst auch klanglich weniger gelungene Aufnahmen.

 

Anfangs bewertete ich den Shure positiver, weil er gefälliger klang und auch einen lineareren Eindruck machte, was den Amplituden-Frequenzgang betraf. Im Laufe einer intensiven Test-Stunde stellte sich dann aber heraus, dass er Details unterschlug, die der Audiotechnica sauber wiedergab. So  ergab sich dann langsam ein anderes Bild:

 

Der Audiotechnica zeichnete sich durch sein sehr direktes, ehrliches Klangbild aus. Leider (oder im Studio: glücklicherweise) auch solche, die schlechter Aufnahmetechnik geschuldet sind, bis hin zu Störgeräuschen wie Britzeln oder Brummen. Bei wirklich guten Aufnahmen blüht der Kopfhörer regelrecht auf: Ich besitze einige alte Jazz-Aufnahmen des Three-Blind-Mice-Labels aus den 1960er Jahren – sie habe ich noch nie so packend über Kopfhörer gehört! Hier wird einfach jedes noch so kleine Detail rübergebracht – genau so, wie ich es von guten Monitor-Lautsprechern kenne.

 

Der Shure dagegen kehrt Details schon einmal unter den Tisch. An den beiden Enden des Frequenzspektrums wirkt er ein wenig breitbandiger und der Frequenzgang ist wohl auch etwas weniger wellig. Auch öffnet er den Raum ein wenig weiter, er wirkt dadurch oft aber auch diffuser. Der daraus resultierende – durchaus musikalischere – Klang ist aus meiner Sicht jedoch für Analysezwecke beim Aufnehmen und Abmischen weniger geeignet. So entgehen ihm manchmal Überhöhungen im Präsenz-Bereich oder auch bei den oberen Bässen. Solche Fehler – samt den daraus resultierenden Übersteuerungen – werden vom Audiotechnica gnadenlos demaskiert. So hilft dieser, diese am Ende unangenehm klingenden Überhöhungen beim Abmischen zu vermeiden.

 

Bei Klassikaufnahmen fehlt dem Shure oft Volumen. Chöre wirken zwar wie aus einem Guss, es fehlt ihnen aber untenherum Volumen und obenherum klingen sie flach und ein wenig spitzer. Der Audiotechnica gibt große Chöre sehr viel differenzierter wieder: Man glaubt als Hörer, einzelne Stimmen herauszuhören. Auch in den Bereichen Rock und Pop arbeitet er feinste Nuancen deutlich heraus. Für viele Sänger und Sängerinnen ist das oft nicht gerade schmeichelhaft.

 

Interessant ist auch, wie die Kopfhörer auf Kunstkopf-Aufnahmen reagieren. Für die getesteten Beispiele gilt: Beim Audiotechnica fühle ich mich mittendrin im Geschehen, die Akustik wird räumlich regelrecht greifbar. Beim Shure hingegen fühlte ich mich wie ein unbeteiligter Beobachter.

 

Fatal war manchmal der Wechsel von einem zum anderen Kopfhörer nach einer längeren Hörprobe: "Hoppla, was fehlt denn da alles", fragte ich mich vom Audiotechnika zum Shure kommend, und breites Grinsen schlich sich in mein Gesicht, wenn ich vom Shure wieder zum Audiotechnika wechselte. Bei vielleicht drei von 100 Aufnahmen war es umgekehrt. Das waren dann aber meist keine aufnahmetechnischen Highlights.

 

Mit dem Audiotechnica klingen gute Aufnahmen wirklich super, miserable Aufnahmen klingen auch einfach miserabel. Der Shure ebnet ein wenig ein: Schlechte Aufnahmen bleiben ein wenig hörenswerter, bei guten Aufnahmen taucht man allerdings auch nicht ganz so tief ins Klanggeschehen ein. Im Vergleich zu vielen HiFi-Kopfhörern, die ich kenne, ist er zwar vergleichsweise ehrlich; auf die Erfordernisse der Studiotechnik bezogen, möchte ich ihn aber schon als leichten Schönfärber bezeichnen. Sein ruhigeres und auch entspannteres Klangbild ist eher für einen Abend auf dem Sofa geeignet; auch als  Begleiter auf Reisen könnte ich ihn mir sehr gut vorstellen.

 

Fazit

 

Sie mögen unterschiedlichen Klagphilosophien folgen, aber beide Kopfhörer sind klanglich sehr hochwertige Vertreter der akustisch geschlossenen Fraktion, ganz besonders auch preisklassenbezogen. Der Audiotechnica bietet einen hohen Tragekomfort, der Shure sitzt bei mir sogar noch ein Stückchen bequemer. Beide Kopfhörer wirken einigermaßen robust. 

 

Zum Aufnehmen und Mischen ziehe ich den Audiotechnica vor. Für abschließende Beurteilungen des fertigen Mixes oder auch einfach nur zum entspannten Musikhören ist ergänzend der Shure eine sehr gute Wahl. Mit ihm vergleichbar klingende HiFi-Kopfhörer sind sonst eher ab der 500-Euro-Klasse zu finden. Interessant wäre es vielleicht, auch einmal die "größeren" Modelle SRH 940 (geschlossen) oder SRH 1440 (offen) anzuhören...

 

Zum Schluss sei noch dieser wichtige Hinweis gestattet: Wieder einmal zeigte sich, dass Zeitschriftenbeiträge, Testberichte, Forenbeiträge usw. durchaus informativ sein können, letztlich aber nicht den eigenen Hörstest ersetzen können! Vor einer Kaufentscheidung also unbedingt die in Frage kommenden Modelle selbst anhören – am besten mit viel Zeit im Direktvergleich und an einem guten Kopfhörerverstärker.

 

 

11.08.2015