Wie ich fotografiere

 

Um die  Jahrtausendwende herum begann ich, die analoge Fotografie schrittweise durch die digitale zu ersetzen. Seit 2003 arbeite ich ausschließlich mit digitaler Ausrüstung.

 

Nach vielen Jahren der Produktfotografie meiner eigenen Elektronik-Entwicklungen für Dokumentation und Werbung, in der die aktive (Licht-) Gestaltung eine wichtige Rolle spielte, bin ich heute wieder »der stille Beobachter«. Ich versuche, Momente so zu konservieren, wie sie sich mir bieten; versuche, mich selbst dabei so weit wie möglich zurückzunehmen.

 

Als Elektroniker habe ich viel gemessen. Schnell lernte ich, dass das Messgerät immer auch die Messgröße selbst beeinflusst: Messe ich eine Spannung, zweigt das Messgerät einen geringen Strom für sich selbst ab, was wiederum die ursprüngliche Spannung reduziert. Die angezeigte Spannung entspricht also nie der ursprünglichen, tatsächlich vorhandenen Spannung. (Zu erläutern, warum dies so ist, würde hier zu weit führen und vom eigentlichen Thema ablenken.) 

 

Ähnlich ist es in der Fotografie, insbesondere der journalistischen. Allein meine Anwesenheit als Fotograf beeinflusst die Situation; lässt Menschen – meist unbewusst – anders agieren, als es ohne mich der Fall wäre. Aber auch in der künstlerischen Fotografie möchte ich die Natur der Dinge sichtbar machen, und nicht den Dingen meine Vorstellungen von ihnen aufdrücken.  

 

Meditative Techniken helfen mir, mich beim Fotografieren wertfrei aufs Hier und Jetzt zu fokussieren. Diesen Anspruch umzusetzen, erweist sich oft als äußerst schwierig. Unsere visuelle Wahrnehmung ist nicht nur komplex, sondern auch subjektiv – in irgendeiner Form werde ich als Fotografierender also immer meine Sicht der Dinge wiedergeben. 

 

Versuche ich, dies bei fotojournalistischer Arbeit auf ein Minimum zu beschränken, so gestatte ich mir in der künstlerischen Fotografie durchaus die (leichte) künstlerische Überhöhung, um meinen persönlichen Eindruck zum Zeitpunkt des Auslösens klar zum Ausdruck zu bringen.

 

Der Grat zwischen subjektiver Sicht und Manipulation des Wahrgenommenen ist ein sehr schmaler. Für mich liegt die Grenze dazu beim Einsatz von Retusche-Techniken in der Bild(nach)bearbeitung. Aber auch schon beim Fotografieren selbst kann sie überschritten werden. Allein die Wahl des Bildausschnitts kann durch das Zeigen oder Weglassen zu völlig unterschiedlichen Bildaussagen führen; am Ende muss ich mich natürlich für einen Ausschnitt entscheiden. Die Überdeckung der natürlichen Lichtstimmung durch exzessiven Kunstlicht-Einsatz ist für mich jedoch oft fragwürdig. 

 

Künstliche Lichtquellen haben in der Fotografie von Menschen weitere Nachteile. Das Licht selbst und meine Beschäftigung mit ihm lenkt die Aufmerksamkeit der fotografierten Person so sehr darauf, dass authentische Fotos kaum noch möglich sind – außer vielleicht bei der Arbeit mit professionellen Models. Künstliche Lichtquellen setze ich daher nur wenn unbedingt nötig ein, und lediglich zur sanften Unterstützung der vorhandenen Lichtstimmung. 

 

In zwei Bereichen jedoch breche ich mit dieser Philosophie. Zunächst in der oben erwähnten Produkt-Fotografie: Sie erfordert klar definierte Licht-Situationen und Nachbearbeitungstechniken, wie das Freistellen des Objektes vom Hintergrund. Zweitens ist echte Makro-Fotografie – also bei einem Abbildungsmaßstab um etwa 1:1 herum – selten ohne Zuhilfenahme künstlicher Lichtquellen möglich, weil sonst rein technisch keine brauchbaren Ergebnisse erreichbar sind.

 

Ansonsten setze ich beim Einsatz der technischen Ausrüstung auf Reduktion. Zum einen mag ich nicht Ausrüstung mit einem Gewicht im zweistelligen Kilogramm-Bereich mit mir herumschleppen, wenn ich fotografiere. Zum anderen möchte ich speziell bei der Fotografie von Menschen diese nicht – wie schon oben beim Thema Licht erwähnt – mit der Technik ablenken. Aus diesem Grund setze ich auch wieder verstärkt auf kompakte, aber sehr hochwertige festbrennweitige Objektive anstatt auf klobige Zoom-Optiken. Wenn ich Menschen mit einer kleinen, fast lautlosen (weil spiegellosen) System-Kamera fotografiere, werde ich kaum wahrgenommen – und wenn, dann bestenfalls als »Knipser« und nicht als ernsthafter Bildjournalist. Die daraus resultierende Ungezwungenheit schlägt sich oft im Bild nieder und beeinflusst das Ergebnis positiver, als das letzte Quäntchen mehr Sensorauflösung oder Rauscharmut der Vollformatkamera.

 

 

Ich fotografiere für Menschen, die sich Bilder anschauen,

nicht für Technik-Freaks, die Pixel zählen.