Musik oder Klang?

Bei der Suche nach der perfekten Aufnahme eines bestimmtem Werkes frage ich mich immer wieder: Höre ich jetzt auf die Musik oder lasse ich mich gerade vom Wohlklang einlullen (bzw. geht mit jetzt der schlechte Klang auf die Nerven)? 

Eine kleine Anekdote: Anfang der 1980er Jahre hing ein Cartoon an meiner Pinwand. Zwei Typen stehen vor einer gigantischen Hifi-Anlage mit monströsen Lautsprecherboxen, aus denen offensichtlich lautstarke Musik dröhnt, und tauschen sich darüber aus:

 

Typ A: "Geil, dieser Sound."

Typ B: "1000 Watt Sinusleistung, 120 dB Schallpegel."

Typ A: "Kein Rauschen, keine Verzerrungen."

Typ B: "Genau, 90 dB SNR und 0,1 % Klirr!"

Typ A: "Du, sag mal, was hören wir da eigentlich gerade?"

Typ B: "Öh, ... mmhh, ... keine Ahnung, kann ich nicht sagen – muss ich mal schauen."

 

Als Musikliebhaber belächelte ich die Typen im Cartoon natürlich. Ich kannte sie auch aus der Realität, die Klang-Freaks, die stundenlang feinste Unterschiede zwischen verschiedenen Geräten suchten. Die sich mit nichts zufrieden gaben und immer auf der Suche nach noch einer Spur mehr Klang waren. Viele dieser Freaks wussten eigentlich nicht einmal, was das überhaupt sein sollte: Klang. Beziehungsweise hatte fast jeder seine eigenen Vorstelliungen davon. (Das ist auch eigentlich klar: Weil das Hören und erst recht das Empfinden von Musik sehr komplexe Vorgänge sind, muss es eigentlich so viele Idealbilder von Klang geben, wie es Menschen auf der Welt gibt.) Konzerte wurden nicht besucht, stattdessen wurden Stereoanlagen im Jahresrhythmus gewechselt, bei manch einem sogar häufiger. Schallplatten? Ein Dutzend ausgesuchte Direktschnitte höchster Press- und Klangqualität. Musik zum Spaßhaben? Fehlanzeige.

 

Ich gebe zu: Ich wurde im Laufe der Jahre auch immer häufiger Gast in Hifi-Studios. Ich möchte nicht wissen, wie oft die Besitzer heimlich die Augen verdrehten, wenn sie mich auf ihre Studios zukommen sahen. Allerdings war ich mindestens genauso häufig Gast bei JPC, unserem besten Plattenladen vor Ort, und schleppte erst Schallplatten und später CDs heraus; hunderte; und mit Gleichgesinnten traf ich mich häufig zu gemeinsamen Hörvergleichen. Da ging es zwar auch um klangliche Eigenschaften, vorrangig jedoch um Interpretationsvergleiche. Immer besuchte ich auch Konzerte. Dieses Erlebniss, wenn Musiker aus Fleisch und Blut ihre Instrumente zum Klingen bringen, kann durch keine Konserve ersetzt werden – das ist wie beim Kochen! Dennoch: Weil ich eigentlich fast immer Musik brauche, geht es nicht ohne „Konserven“.

 

Den Irrweg, fast nur noch dem Klang hinterher zu jagen, betrat auch ich spätestens, als ich begann, Lautsprecher und Verstärker zu konstruieren und zu bauen. Zunächst auf Hobby-Ebene, später, nach einer erfolgreichen Ausbildung zur E-Technik/Elektronik, beruflich. Spätestens ab hier diente Musik mehr zum Vergleichen von Klangeigenschften als zum reinen Hören. Dass hatte natürlich den Grund, dass ich der Messtechnik nie völlig vertraute. Sie diente der Grobkontrolle der Schaltung, die Feinabstimmung im Sinne des Klangs erfolgte nach Gehör; bei Lautsprechern naturgemäß stärker als bei Elektronik. Aber letztlich führte es dazu, dass ich mich den Typen aus dem Cartoon annäherte. Denn gleichzeitig begann ich, an diesen unsinnigen Diskussionen teilzunehmen, zum Beispiel darüber, warum sich der letzte Meter Netzabel zwischen der Wandsteckdose und dem Verstärker so gravierend auf den Klang auswirkt. Als Techniker hatte ich es gegenüber der Esoterik-Fraktion allerdings schwer. Ein wenig nervte mich das, denn ich hatte mich immer als Mittler zwischen Technik und Musik gesehen (die Musik hatte mich ja überhaupt erst zur Technik gebracht – und ohne Technik ist nun einmal keine Wiedergabe aus der „Konserve“ möglich). Langsam begriff, ich, dass es vielen „Highendern“ offenbar nicht um das Musik-Empfinden geht, sondern nur ums Klang-Erleben. Wie den Typen im Cartoon. Aber gut, jedem das Seine; ich möchte das auch keinesfalls werten!

 

Nachdem ich mich halb zwangsweise aus dem Beruf als Elektroniker verabschiedet hatte, begann ich langsam wieder ganz „unschuldig“ Musik zu hören. Nun kann ich mich wieder ganz dem Erleben der Musik hingeben, ohne den Zwang, mich auf den Klang konzentrieren zu müssen. Merkwürdigerweise bringt mir das mittlerweile (wieder) auf Anlagen Freude, die ich auf dem Höhepunkt meiner technischen Ausrichtung vollständig abgelehnt hätte. Im Alltag höre ich heute über einen kleinen, 20 Jahre alten Onkyo-CD-Receiver, der nicht einmal 20 Watt abgibt. An die auch recht kompakten 2-Wege-Lautsprecher, die ich  – ebenfalls vor rund 20 Jahren – konstruiert hatte. Oder einen Studio-Kopfhörer, der ein sehr „ehrliches“ Klangbild liefert, ohne den vielfachen Preis zu kosten, den irgendeine der etablierten Highend-Edelmarken dafür verlangen würde. (Es handelt sich dabei übrigens um einen Audio-Technica ATH-M50 X, der bei Thomann meist um die 150 EUR zu bekommen ist. Mehr darüber im Test Studio-Kopfhörer.)

 

All das nimmt wenig Platz in Anspruch und beschallt den etwa 4 x 4 Meter messenden Raum zu meiner vollen Zufriedenheit. Dieses mickrige Equipment reicht aus, um Musik nicht nur hören und genießen zu können, sondern sogar differenziert (!) verschiedene Aufnahmen eines Werkes beurteilen zu können (ganz besonders auch über den Kopfhörer). Warum also mehr?! Weil nicht ständig Geld in Klangverbesserungen fließt, leiste ich mir lieber wieder ab und zu eine neue CD (bzw. seit Kurzem auch einen Download) – das war in der Zeit der Elektronik-Entwicklung ein Jahrzehnt lang viel zu kurz gekommen.

 

In den vergangenen Tagen habe ich stundenlang Bachs Das wohltemperierte Clavier gehört. Einfach, um herauszufinden, wie man dieses zeitlos schöne Werk spielen kann und welche Spielart bei mir im tiefsten Inneren ankommt und dort etwas bewirkt. Das wohltemperierte Clavier ist ein solch geniales Werk, dass unterschiedliche Interpretationen sogar völlig verschiedene Reaktionen bei mir auslösen können. Deswegen entschied ich mich nicht für eine Aufnahme, sondern für mehrere. Selbst die am schlechtesten klingende übt in einzelnen Stücken eine solche Faszination aus, dass ich sie nicht missen möchte. (Für Interessierte gibt's in meinem Kritiken-Blog mehr über den Vergleich: Bach – Das wohltemperierte Clavier II.)

 

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich am Ende wieder zur Musik zurück fand.

 

Der Klang ist nicht unwichtig  –  letztlich aber nur die Verpackung der Musik.