Cembalo oder Flügel?

Bei Werken des 18. Jahrhunderts (oder früher), die für ein Tasteninstrument geschrieben wurden, stellt sich für den Hörer die Frage, wie sie am besten dargeboten werden: Auf einem alten Cembalo oder einem modernen Flügel. Für mich ist dies kein Thema. Ich höre meist beide Varianten gern.

 

J. S. Bachs Goldberg-Variationen und viele andere seiner Kompositionen für Tasteninstrumente wirken auf mich je nach Instrument oft wie völlig unterschiedliche Werke. Mit Scarlattis Sonaten geht es mir ähnlich.

 

Die Klangspektren und Anschlagtechniken der Instrumente unterscheiden sich so stark voneinander, dass beim Hören völlig andere Empfindungen ausgelöst werden. Auch die Aufnahmetechnik entscheidet zwar darüber, was am Ende aus den Lautsprechern schallt; aber ein moderner Konzertflügel hat generell ein völlig anderes Klangspektrum: Es ist dunkler und weicher als ein Cembalo, welches ein sirrendes, obertonreiches Spekrum bietet und bei dem die tieferen Lagen meist zurückhaltender und weniger wuchtig wirken. Die meisten Stücke des früheren 18. Jh. wurden am Cembalo komponiert, die Komponisten dürften also beim Schreiben genau dessen Klangbild vor ihrem (inneren) Ohr gehabt haben.

 

Bei der Wiedergabe am Flügel ist es meiner Ansicht nach wichtig, dass der Interpret nicht versucht, das Cembalo einfach nachzuahmen. Das kann wegen der grundsätzlichen Unterschiede nicht funktionieren. MIr fällt andererseits jedoch immer wieder auf, dass beim Einsatz eines Flügels "romantisiert" wird. Dann klingt Bach eher wie Robert Schumann – was mir ganz und gar nicht gefällt! Eine gute Mitte dazwischen gelingt selten, weswegen es für mich meist schwierig ist, eine gute Klavier-Interpretation eines barocken oder früklassischen Werkes zu finden. Schwieriger jedenfalls, als eine entsprechende Cembalo-Einspielung. Dass es mir dennoch immer wieder gelingt, zeigen meine Rezensionen unter Klassik-Empfehlungen ...

  

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